23.09.2026 Alice Landeau

Warum wird heute noch Roggen im Berggebiet angebaut?

Roggen ist ein robustes Getreide, das kalte Winter und trockene Sommer gut verträgt. Aufgrund dieser Eigenschaften wurde er in den Bergregionen traditionell für die Selbstversorgung und den Handel angebaut. Im Wallis ist der Roggenanbau heute neben dem AOP-Roggenbrot offiziell als immaterielles Kulturerbe des Kantons anerkannt.

Diese Anerkennung verleiht dem Wort «Kultur» eine doppelte Bedeutung. Einerseits geht es um den landwirtschaftlichen Anbau, andererseits um die soziale Kultur, die das Wissen und die Traditionen rund um das Roggenbrot weiterträgt: das Mahlen, Backen, Lagern sowie die gemeinschaftliche Nutzung innerhalb von Familien und Dörfern. Sie zeigt sich auch heute noch in der Landschaft, etwa in den Terrassen ehemaliger Ackerflächen, in Getreidespeichern, Mühlen und Gemeinschaftsbacköfen.

Der Anbau von Roggen und anderen Getreidearten ist ab den 1950er-Jahren mit den sozioökonomischen Veränderungen und der Entwicklung der Landwirtschaft im Talgebiet in den Bergregionen zunehmend verschwunden. Im Wallis befinden sich jedoch noch heute 19 % der Roggenanbauflächen in Berggebieten.

Wir haben uns mit 11 Walliser Produzentinnen und Produzenten ausgetauscht, um ihre Beweggründe besser zu verstehen und das Entwicklungspotenzial des Roggenanbaus im Berggebiet zu ermitteln.

Die 5 Säulen des Roggenanbaus im Wallis

Die von den Landwirtinnen und Landwirten, die im Wallis Roggen und Berggetreide anbauen, genannten Beweggründe sind vielfältig und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Dennoch lassen sich Gemeinsamkeiten erkennen, die sich in fünf wesentlichen Säulen dieses Anbaus zusammenfassen lassen.

Die Produktion

Der Getreideanbau ist eine gute Ergänzung zur Viehhaltung. Er ermöglicht die Eigenproduktion von Stroh für die Einstreu der Tiere, die teilweise auch vom Getreidekorn profitieren können. Roggen benötigt beispielsweise weniger Wasser als Wiesen zur Heugewinnung. Dadurch können auch trockenere oder nicht bewässerbare Parzellen genutzt werden. Zudem bringen Getreidekulturen Abwechslung in die Fruchtfolge von Betrieben, die Mais und Kunstwiesen anbauen. 

Die Diversifizierung des Betriebs

Die von den einzelnen Landwirtinnen und Landwirten zu bewirtschaftenden Flächen werden tendenziell immer grösser. Getreide ermöglicht bei günstigen Produktionsbedingungen eine Wertschöpfung bei gleichzeitig geringerem Arbeitsaufwand als eine vergleichbare Milch- oder Fleischproduktion. Auch die Erweiterung des Angebots auf dem Betrieb wird von den Landwirtinnen und Landwirten als Vorteil genannt.

Die Arbeitsmittel

Die Landwirtinnen und Landwirte haben den Wunsch geäussert, die Möglichkeiten für den Getreideanbau im Berggebiet zu erhalten. Diese wurden von früheren Generationen entwickelt und sind teilweise Bestandteil einer Familientradition. Die Terrassen sind dabei eines der wichtigsten Elemente. Ihre Anlage erforderte viel Arbeit, um das Gelände zu gestalten und die Hanglagen landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Sie weiter zu bewirtschaften, ist somit auch eine Form der Pflege dieses Erbes.

Die Weiterführung und der Erhalt dieser Produktionsgrundlagen werden von mehreren Landwirtinnen und Landwirten zudem als wichtiger Faktor für die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft in zukünftigen Generationen gesehen.

Eine lebendige Tradition

Für viele Landwirtinnen und Landwirte ist es besonders motivierend, lokales Rohmaterial für die Herstellung von AOP-Roggenbrot zu liefern oder Gruppen und Vereine zu unterstützen, die sich rund um Mühlen und Gemeinschaftsbacköfen engagieren. Damit tragen sie dazu bei, das Getreideerbe des Kantons zu bewahren und vor allem lebendig zu halten.

Auch die Landschaft ist ein sichtbares Zeugnis dieses lebendigen Kulturerbes – etwa durch die goldenen Getreidefelder, die zwischen den Trockensteinmauern auf den Terrassen leuchten.

Die Leidenschaft für den Beruf

Die berufliche Erfüllung, das Gefühl, durch den Getreideanbau den eigenen Beruf voll und ganz auszuüben, sowie die «Freude und der Genuss» an dieser Kultur werden von den Walliser Landwirtinnen und Landwirten besonders hervorgehoben. Hochwertige Lebensmittel zu produzieren und dabei im Einklang mit dem eigenen Lebensraum zu arbeiten, ist für viele eine wichtige Motivation.

Zudem wurde betont, dass die Begeisterung für den Getreideanbau unerlässlich ist: Die landwirtschaftliche Arbeit ist mit einem grossen persönlichen Einsatz verbunden – umso wichtiger ist es, dass die Produzentinnen und Produzenten ihre Kulturen auch nach ihren persönlichen Interessen und Vorlieben auswählen können.

Die Vorteile des Getreideanbaus im Berggebiet

Neben den Beweggründen, die den Getreideanbau im Herzen der Walliser Bergwelt prägen, gilt es auch, die daraus entstehenden Vorteile für die Umwelt hervorzuheben. Denn diese Tätigkeit bietet wertvolle Vorteile für unseren Lebensraum.

Naturgefahren

Die Bewirtschaftung von Terrassen durch die Landwirtschaft ist ein anerkanntes Mittel zur Vorbeugung von Naturgefahren im Zusammenhang mit Erosion, insbesondere von Hangrutschungen. Durch die Stabilisierung der Böden und die Verbesserung der Wasserinfiltration spielen landwirtschaftliche Terrassen eine wichtige Rolle in den natürlichen Kreisläufen.

Kultivierte Biodiversität

Zu den Getreidearten, die im Berggebiet angebaut werden können, gehören Roggen, Weizen, Triticale und Gerste, aber auch Dinkel, Einkorn oder Emmer. Jede dieser Arten umfasst zahlreiche alte und moderne Sorten. Ihr Anbau trägt sowohl zu deren Erhaltung als auch zur Weiterentwicklung des genetischen Kulturerbes bei.

Biodiversität auf den Feldern

Getreidefelder beherbergen zudem eine Begleitflora, die als Ackerbegleitflora bezeichnet wird. Diese Pflanzen haben sich seit den Anfängen der Landwirtschaft gemeinsam mit den Getreidearten entwickelt. Mit der Modernisierung der Landwirtschaft sind viele dieser Pflanzen zunehmend verschwunden, und zahlreiche Arten stehen in der Schweiz auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Im Wallis gibt es jedoch noch einige Bestände. Um diese zu fördern, wurden im Rahmen des Natur- und Heimatschutzgesetzes (NHG) Verträge geschaffen, mit denen Betriebe unterstützt werden, die entsprechende Bewirtschaftungsmethoden anwenden. Auch verschiedene Schmetterlings- und Vogelarten bevorzugen diese landwirtschaftlich geprägten Lebensräume.

Mechanisierbare Terrassen (© Alice Landeau)
Nicht mechanisierbare Terrassen (© Alice Landeau)

Entwicklungsperspektiven

Die topografischen Bedingungen im Berggebiet sowie wirtschaftliche Anforderungen, die für die Rentabilität der professionellen Landwirtschaft unerlässlich sind, begrenzen selbstverständlich die Entwicklung dieser Kulturen. Unter Berücksichtigung dieser Herausforderungen verfügen die Akteure der Wertschöpfungskette jedoch auch über Stärken und vielversprechende Ideen, die die Zukunft der goldenen Getreidefelder von morgen gestalten.

Die Ernte ist der entscheidende Faktor

Werden Parzellen mit den bereits vorhandenen Lösungen mechanisiert bewirtschaftet, weisen sie eine gute Produktivität und eine sehr gute Kornqualität auf. Diese kann über regionale Mehle und Brote sowie AOP-Produkte entsprechend valorisiert werden.

Nicht mechanisierbare Terrassen bieten hingegen Potenzial für Aktivitäten in den Bereichen Tourismus, Bildung und Kultur. Obwohl diese Möglichkeiten von einigen Landwirtinnen und Landwirten sehr geschätzt werden, stellen sie nicht deren Haupttätigkeit dar.

Parzellen mittlerer Grösse könnten durch Anpassungen bestehender Erntemaschinen mechanisiert und dadurch produktiver gemacht werden. Genau hier setzt das aktuelle grenzüberschreitende Projekt CereAlp an.

Angesichts der Bedürfnisse und Beweggründe der Landwirtinnen und Landwirte haben Lösungen für die Mechanisierung und die Lieferung an Mühlen für die Entwicklung des Berggetreidebaus Priorität. Ebenso wichtig sind die Information der breiten Öffentlichkeit über die geleistete Arbeit und die Wertschöpfung aus den fertigen Produkten.

Die goldenen Felder von morgen

Die Wertschöpfung des Bergackerbaus basiert somit auf einer doppelten Dimension: auf den Produkten (regionale Brote, Getreideprodukte) und auf den Aktivitäten (kulturelle, soziale, Bildungs- und Tourismusangebote). Hinzu kommt die Wertschätzung der Ökosystemleistungen, die durch die Berglandwirtschaft erbracht werden, unter anderem durch Beiträge von Bund und Kanton.

Das Entwicklungspotenzial des Berggetreidebaus im Wallis ist hoch und eng mit dem kantonalen Kulturerbe verbunden. Wichtige Voraussetzungen sind bereits vorhanden: lokales Wissen und Know-how, geeignete Böden und klimatische Bedingungen sowie die Ergänzung zur Viehhaltung.

Darüber hinaus wirft diese Form der Landwirtschaft Fragen zur nachhaltigen Entwicklung des Berggebiets auf und entspricht den Anliegen der Menschen, die dort arbeiten. Die aktuellen Projekte verfolgen deshalb das Ziel, den Berggetreidebau sozial, wirtschaftlich und ökologisch tragfähig weiterzuentwickeln – sowohl für die Landwirtinnen und Landwirte als auch für die Bevölkerung.


Für interessierte Landwirtinnen und Landwirte:
Dieser Flyer enthält nützliche Informationen und Kontakte für den Einstieg in den Berggetreidebau.

Flyer Getreideanbau im Berggebiet (Französisch)

 

Alice Landeau

Quellen

Vonmoos R, 2012. Culture du seigle et le pain de seigle. Service de la Culture, Canton du Valais, p. 7. Portail du patrimoine culturel immatériel. https://www.vs.ch/web/culture/patrimoine-culturel-immateriel

Vouilloz Burnier M-F, 2019. Générations barrages : la place des hommes dans les sociétés alpines au XXe siècle. Editions Monographic, Sierre.

Bretscher P, Studer R, 2012. Machines agricoles. https://hls-dhs-dss.ch/articles/026227/2012-11-20/

Service de l’Agriculture, 2025. Statistiques des surfaces agricoles en Valais.

Landeau, A, 2026. Potentiel de développement de la culture de seigle en zones de montagne en Valais Central et Bas-Valais. Mémoire de master, BFH-HAFL

Tarolli P, Straffelini E, 2020. Agriculture in Hilly and Mountainous Landscapes: Threats, Monitoring and Sustainable Management. Geography and Sustainability, 1 (1), 70‑76.

Waldis R, 1987. Considérations régionales sur la flore des plantes adventices et sur l’agriculture en Valais. Bulletin La Murithienne, (105), 3‑26 
Werner P, 2001. Céréales de montagne et flore messicole rare du Valais: évolution récente et perspectives de conservation. Bulletin La Murithienne, (119), 55‑72.

Bornand C, Eggenberg S, Gygax A, Juillerat P, Jutzi M, Möhl A, Rometsch S, Sager L, Santiago H, 2016. Liste rouge Plantes vasculaires. Espèces menacées en Suisse. Office fédéral de l’environnement (OFEV), Berne, p. 178.

Putallaz O, Sierro A, Imstepf R, 2025. Schlussbericht 2024 Monitoring der Ackerbegleitflora im Kanton Wallis. 

Sierro A, 2006. Conservation de la flore ségétale des céréales d’hiver: deux expériences à Flanthey et à Lens (VS). Bulletin La Murithienne, (124), 49‑58.

 

 

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich

Kommentare

Keine Kommentare

Kategorien